Was ist eigentlich „zeitgenössische Architektur“?

Zeitgenössische- oder Gegenwartsarchitektur meint stets Bauwerke, die von lebenden Zeitgenossen konzipiert worden sind. Sie meint nicht moderne Architektur oder Architektur der Moderne und lässt sich nicht auf eine Bewegung, Strömung oder Gruppe der Architektur festlegen. Auch beinhaltet der Begriff der zeitgenössischen Architektur keine Bindung an einen bestimmten Architekturstil, eine bestimmte Baukonstruktion oder Bauform.

 Was ist nun also „zeitgenössische Architektur“?

Tatsächlich weist sie eine extreme Vielfalt von Strömungen und Auffassungen auf, die heute alle legitim nebeneinander existieren.

Strömungen, Inhalte und Beispiele für zeitgenössische Architektur

Als zeitgenössische Architektur kann insbesondere die Architektur des späten 20. Jahrhunderts und ihre Strömungen und Ausprägungen gefasst werden. Hier wäre zunächst die Architekturströmung des „Brutalismus“ anzuführen, die in den 20 Jahren zwischen 1950 und 1970 anzutreffen war. Das Kennzeichen dieses Architekturstils bestand in der Nachahmung von geometrischen Körpern durch die Gebäude. Beispiele des Brutalismus sind das von Günter Bock konzipierte Haus Sindlingen in Frankfurt am Main, Le Corbusiers Sainte-Marie de la Tourette in Éveux, in Frankreich und Le Corbusiers Wohneinheit, Unité d’habitation in Marseille.

Der zeitgenössischen Architektur zugerechnet werden kann und muss auch die High-Tech-Architektur, auch bekannt als Spätmoderne Architektur oder Struktureller Expressionismus. Dieser Stil, der seit 1970 anzutreffen ist, ist gekennzeichnet durch die Verwendung neuester Technologien und Werkstoffe am Bau. Beispiele dieser Stilausrichtung sind Richard Rogers Renzo Piano im Centro Georges Pompidu in Paris, Richard Rogers Lloyd’s Building in London, Bruce Grahams Fazlur Khan im John Hancock Center in Chicago und das HSBC Hauptquartier in Hong Kong.

Der seit Mitte des 20. Jahrhunderts nachweisbare Strukturalismus zählt gleichfalls zur zeitgenössischen Architektur. Seine Ausprägung findet er beispielsweise in Herman Hertzbergers Bürogebäude Centraal Beheer in Appeldoorn, Niederlande und in Aldo van Eycks Raumfahrtzentrum ESTEC in Noordwijk, Niederlande.

Die als Gegenbewegung zur Moderne seit den 70-er Jahren konzipierte Postmoderne Architektur, auch Nachmoderne, hat ebenfalls ihren Platz im Rahmen der Rubrik der zeitgenössischen Architektur. Hierzu zählen Charles Willard Moores Pizza d’Italia in New Orleans, USA, Philip Johnsons Sony Building in New York, James Stirlings Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart und der Friedrichstadtpalast in Berlin.

Nicht zuletzt der Kritische Regionalismus, der durch das Aufgreifen regionaler Besonderheiten in seiner Architektur charakterisiert ist. Hier wären folgende Gebäude zu nennen: Jørn Utzons Bagsværd Kirche in Bagsværd, Dänemark.

Dann der seit dem Jahre 1980 bekannte Dekonstruktivismus mit den Beispielen von Frank Gehrys Museo Guggenheim Bilbao in Bilbao, Spanien, Daniel Libeskinds Jüdisches Museum in Berlin, Rem Koolhaas Niederländische Botschaft in Berlin, Peter Eisenmanns Zaha hadid in Wolfsburg, der Ufa-Kristallpalast in Dresden und Bernhard Tschumis Parc de la Vilette in Paris.

Schließlich der Minimalismus mit seiner einfachen Formensprache und dem Verzicht auf jedwede Dekorationselemente am Bau, der sich beispielsweise in folgenden Gebäuden manifestiert: Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz in Österreich, Johan Otto von Spreckelsens Grande Arche in Paris.

Weiterhin sind hier einzuordnen die ressourcenschonende Architektur des ökologischen Bauens, der Supermodernismus mit seinen Tendenzen der klassischen Moderne, die Blob-Architektur, charakterisiert durch ihre komplexen, fließenden, ja oft amorphen und biomorphen architektonischen Formen, so manifestiert beispielsweise im Selfridges Building in Birmingham, United Kingdom.

Zuletzt schließlich der Parametrismus mit seinen besonders CAD-lastigen Formen, wo mittels gescripten Algorithmen und mit parametrischen Modellen Formen und Strukturen erzeugt werden, wie beispielhaft am Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart oder am Dubai Opera House in Dubai, VAE.